Über die Wechselwirkung von Sprache und Welterkenntnis
(Dieser Beitrag steht hier nur vorrübergehend zum Test.)
Die Annahme unsere Wahrnehmung sei objektiv, würde den Sinnesreiz der Welt uns unverworren bewusst machen, ist trügerisch. Jeder menschliche Geist ist von einem individuellen System geprägt, das, aus unseren Erfahrungen entwickelt, unsere Weltauffassung bestimmt. Dieses geistige Schema ist unmittelbar mit der dem Individuum eigenen Sprache verbunden. Wovon ist diese subjektive Welterkenntnis abhängig, wie wirkt sich die von uns erlernte Sprache auf unser Weltverständnis aus und was leitet menschliche Sprachentwicklung?
Sprache ist nicht nur Kommunikationsmittel, nicht nur äußerlich aufgesetztes gesellschaftliches Phänomen. Sie ist hingegen grundsätzlich mit dem Geist des Menschen verbunden. Wir denken in unserer Sprache und zwar schon weit vor der Bewusstseinsebene.
Der Mensch denkt begrifflich. Es ist zwingend notwendig die Flut an Sinneswahrnehmungen zu ordnen, zu sortieren und zu kategorisieren. (Der Grad dieser Ordnung kann jedoch auch schon kulturell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.) In seiner Sprache wendet der Mensch das gleiche Ordnungsprinzip an, mit dem er seine Umwelt aufschlüsselt. Weil also in Sprache und Geist diese gleiche Ordnung gilt nehmen beide Elemente aufeinander Einfluss.
Grundsätzlich lassen sich zwischen Geist und Sprache auf zwei Ebenen direkte Verbindungen schlagen. Einerseits liegt sowohl dem Denken als auch dem Sprechen eine kongruente Grammatik zugrunde. Diese Grundlage bestimmt zumeist das Verhältnis von Subjekt und Objekt in der Welt des jeweiligen Menschen (vgl. Nootka u. Westeuropäer). Darüber hinaus teilen Geist wie Sprache die Welt dann in bestimmte Begriffskategorien, die je nach Kultur und deren Bedürfnissen stark abweichend sein können.
Wie der amerikanische Linguist Benjamin Lee Whorf feststellt, lassen sich in Kulturkreisen, die in ihrer Sprache wesentliche Unterschiede zeigen, auch grundlegend unterschiedliche Denkweisen finden. So hätte zum Beispiel ein mit der chinesischen Sprache aufgewachsenes Kind eine von einem deutschsprachlichen Kind andersartige Weltauffassung. Die kulturelle Prägung eines Wesens hängt unmittelbar von den unterschiedlichen Wertkonstrukten und Lebensumständen abhängen. Diese konsolidieren sich in Form von Sprache, die die kindliche Entwicklung von Geburt an beeinflusst.
Beim Verlassen des Vaterlandes mag es möglich sein die bewusste Entscheidung zu treffen die alte Lebenswelt zu verlassen, wie man jedoch wohl nie seine Muttersprache vergisst, bleibt auch die frühkindliche Prägung dauerhaft bestehen.
Auffällig wird dieses Verhalten in der Kunst: Betrachtet man den Umbruch vom 19. ins 20. Jahrhundert in der deutschen Geschichte, blickt man auf eine Periode der Unsicherheit: Das letzte Jahrhundert war durch rapide technische Entwicklung und einer fundamentalen Veränderung des Menschenverständnis geprägt, die Jahrhundertwende brachte die Menschen auf die Frage nach der Zukunft, zudem herrschte geopolitische Unsicherheit; der Ausbruch des Ersten Weltkrieges stand kurz bevor. Als Resultat entwickelten sich in der Literatur parallel eine Reihe neuer Strömungen, so zum Beispiel Symbolismus und Expressionismus, zwei Stile die auf neue Weise Gebrauch von “Sprache” machten. Diese beeinflussten dann wiederum das menschliche Selbstverständnis und prägten den Aufbruch in die Moderne - einerseits der Sprache, andererseits der Sprechenden.
B. L. Whorf arbeitet in seinen Theorien diese Abhängigkeit zwischen Sprache und Weltauffassung und damit den ungeheueren Wert von Sprache und Sprachverständnis für das Kulturwesen heraus.
Es ist jedoch ebenso wichtig festzustellen, dass Sprache nicht objektiv existiert. Das Ordnungssystem unseres Geistes jedoch, muss seinen Ursprung außerhalb des Subjektes haben. Tatsächlich gehört zu der Prägung eines solchen Systems also wesentlich mehr als nur die rein subjektive Sprache. Wharf spricht in seinen Theorien von einem Abkommen das unausgesprochen in einer Sprachgemeinschaft gelten muss um eine Verständigung, nicht nur Kommunikation, möglich zu machen. Dieses Abkommen soll die Regeln der in der Gemeinschaft vorzunehmende Gliederung der Natur beinhalten. Ein solches Abkommen existiert jedoch viel mehr in einer Kultur- als nur in einer Sprachgemeinschaft. Sprache mag, wie die ihr zugehörige Grammatik, wiederum als “Grammatik” des geistigen Ordnungssystems dienen, dieses kommt aber ohne zusätzliches Verständnis kultureller Elemente nicht aus. Erheblich für die Bildung des menschlichen Wahrnehmungsfeldes sind die Vorgaben seiner Umgebung, einerseits die Interaktion innerhalb seiner Kulturgruppe, also die Sprache, ebenso Werte und Bedürfnisse und vor allem der Anspruch der Umwelt an das Überleben des Individuums. Der Geist ist also mehr als Sprache, so lässt sich auch erklären warum sich nicht alles was wir fühlen oder empfinden “in Worte fassen lässt”.
Es sind also Kultur und Umwelt, die das Ordnungssystem des Geistes und damit die Wahrnehmung eines Menschen bestimmt. Weil aber Wechselwirkungen zwischen Kultur und Umwelt, sowie Kultur und Sprache bestehen, reflektiert die Sprache einer Kulturgemeinschaft, stets das getroffene Abkommen innerhalb dieser Gemeinschaft. Und weil Sprache einen starken Einfluss auf das geistige System hat, lässt sich über Sprache, sei es als Kind oder Immigrant die Struktur einer Kultur vergleichsweise schnell erlernen.
Welterkenntnis hängt, über den Umweg der kulturellen Prägung, mit der sprachlichen Entwicklung eng zusammen. Gleichzeitig ist kulturelle Prägung relativ zu den zu erkennenden Objekten in der Umwelt eines Subjektes. Und schließlich ist Sprache integraler Bestandteil des Vorganges menschlichen Denkens und daher ein ungemein starker Einfluss auf die Bildung des Geistes und der damit verbundenen Wahrnehmungsweise. Dennoch wäre es fahrlässig Sprache bei der Betrachtung unterschiedlicher Kulturen stets als Auslöser für kulturelle Unterschiede zu verstehen, sie ist vielmehr, jedoch nicht nur, Symptom, dieser Unterschiede selbst, während die Unterschiede sich aus dem Druck der Umwelt auf die Kultur geformt haben.
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